Sozialraumlotsinnen unterstützen ältere Menschen in Rosenheim, länger selbstbestimmt zuhause zu leben. Die TH Rosenheim begleitet das städtische Modellprojekt wissenschaftlich.
Der demografische Wandel stellt sowohl Kommunen als auch das Gesundheits- und Pflegesystem vor Herausforderungen: Die Zahl hochaltriger Menschen steigt, während familiäre Unterstützungsstrukturen schwächer werden. Dadurch wächst die Nachfrage nach professionellen Unterstützungsleistungen, und die beteiligten Versorgungssysteme und Kostenträger geraten unter zunehmenden personellen und finanziellen Druck.
Das Modellprojekt „Sozialraumorientierte Hilfen im Alter“ in Rosenheim will dieser Entwicklung präventiv begegnen und die Erfahrungen aus 20 Jahren sozialraumorientierter Kinder- und Jugendhilfe auf die Altenhilfe übertragen: Sozialraumlotsinnen der Träger Caritas, Diakonie und Startklar entwickeln gemeinsam mit älteren Menschen in den drei Sozialräumen Rosenheims (Nord, West und Ost) passgenaue Unterstützungsarrangements. Diese sollen es ihnen ermöglichen, so zu leben, wie sie es wünschen, etwa länger und selbstbestimmt in der eigenen Wohnung. Das Konzept der Sozialraumorientierung arbeitet dabei nach fünf Grundprinzipien:
1. Orientierung am Willen der Menschen
2. Konzentration auf die eigene Aktivität der Menschen
3. Orientierung an vorhandenen Ressourcen der Menschen und des Sozialraums
4. Zielgruppen- und bereichsübergreifende Arbeit
5. Vernetzung und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren
Die wissenschaftliche Begleitung verfolgt zwei Ziele. Zum einen analysiert sie, ob bzw. welche Effekte des Modellprojekts sich während der Projektlaufzeit zeigen (u. a. Entwicklung der Pflegegrade, Heimquote, Überlebenszeit), und ergänzt dies um Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen und mögliche Finanzierungsmodelle. Zum anderen entwickelt sie auf Grundlage der Praxiserfahrungen der Sozialraumlotsinnen und qualitativ dokumentierter Fallverläufe Qualitätskriterien sozialraumorientierter Arbeit in der Altenhilfe. Daraus abgeleitete Indikatoren können die Grundlage für ein langfristiges kommunales Monitoring bilden. Die Ergebnisse dienen Politik und Kostenträgern als fundierte Grundlage für die Entscheidung über eine Weiterförderung des Modellprojekts.
Das Forschungsvorhaben untersucht drei komplementäre Ebenen:
Ebene A: Prozessevaluation: Woran lässt sich erkennen, wie sozialräumlich in der kommunalen Altenhilfe gearbeitet wird?
Ebene B: Outcomes für Menschen und Angehörige: Welche Effekte zeigen sich für ältere Menschen und ihre Angehörigen?
Ebene C: Gesundheitsökonomische Evaluation: Für wen rechnet es sich, und welche Finanzierungsmodelle sind denkbar?
Das Projekt ergänzt die Pflegebedarfsplanung um eine präventive, sozialräumliche Perspektive: Im Mittelpunkt stehen Strukturen im Quartier, die älteren Menschen helfen, möglichst lange selbstbestimmt in ihrer vertrauten Umgebung zu leben, und pflegende Angehörige entlasten. Damit greift es zentrale Handlungsfelder des Strategiepapiers „Gute Pflege. Daheim in Bayern“ (2022) auf: Hilfen im Vor- und Umfeld von Pflege, den Aufbau von „Kümmererstrukturen“ im sozialen Nahraum, sozialraumorientiert verstanden als Aktivierung statt Betreuung, sowie den Grundsatz „Prävention vor Pflege“. Die wissenschaftliche Begleitung liefert die dort vorgesehene Evaluationsgrundlage für die Frage, ob und unter welchen Bedingungen sich der in Rosenheim erprobte Ansatz bewährt.
Über Rosenheim hinaus sind die Ergebnisse für andere bayerische Kommunen relevant, die präventive Ansätze im Sinne von „ambulant vor stationär“ weiterentwickeln wollen. Dafür stellt das Projekt Orientierungswissen zu Kostenstrukturen, erprobte Qualitätskriterien der Sozialraumorientierung und ein Transferkonzept mit Materialien bereit, die sich an lokale Bedingungen anpassen lassen.
ORCID iD: 0009-0008-6038-5850
ORCID iD: 0000-0002-1200-1903