Möbel auf Europalette

© Hettich-Heinze GmbH & Co. KG
© Prof. Kilian Stauß, TH Rosenheim

Das Forschungsprojekt „Möbel auf Europalette“ wurde im Sommersemester 2022 als Kooperation zwischen der Hettich GmbH & Co. oHG und der Technischen Hochschule Rosenheim durchgeführt. Unter der Leitung von Prof. Kilian Stauss und Prof. Thorsten Ober untersuchten Studierende der Fakultäten für Innenarchitektur (IAD) sowie Holztechnik und Bau (HTB) innovative Möbelkonzepte.

Zielsetzung und Marktfokus: Während Hettich normalerweise im B2B-Bereich agiert, konzentrierte sich dieses Projekt spezifisch auf den B2C-Sektor (Business to Customer).

Hintergrund des Projekts

Hettich, einer der führenden deutschen Möbelbeschlag-Hersteller, beauftragte die Technische Hochschule Rosenheim im Sommersemester 2022 mit einem interdisziplinären Forschungsprojekt. Unter der Leitung von Prof. Kilian Stauss und Prof. Thorsten Ober arbeiteten Studierende der Fakultäten IAD (Innenarchitektur, Architektur, Design) und HTB (Holztechnik und Bau) gemeinsam an einer ungewöhnlichen Designaufgabe.

Projektidee

Das Thema lautete: »Möbel auf Europalette«. Ziel war es, Kleiderschränke zu entwerfen, die vollständig auf einer einzigen Europalette transportierbar, werkzeuglos oder werkzeugarm montierbar und flexibel nutzbar sind. Dabei sollten klassische Möbelkonstruktionen grundlegend überdacht und neue Materialien, Verbindungstechniken sowie Beschlagslösungen entwickelt werden. Alle Entwürfe mussten zudem Nachhaltigkeitskriterien im Sinne von »Cradle-to-Cradle« erfüllen – von der Reparierbarkeit über den Materialaustausch bis zur Rezyklierbarkeit.

Warum ist dieses Projekt wichtig?

Hettich ist traditionell im B2B-Bereich tätig. Dieses Projekt markierte eine bewusste Öffnung Richtung Endkunde (B2C). Der direkte Vertrieb an Verbraucher stellt völlig andere Anforderungen: einfache Bestellbarkeit, kompakte Verpackung, unkomplizierter Transport und intuitive Montage. Die studentischen Entwürfe zeigen, dass diese Anforderungen nicht auf Kosten von Ästhetik, Qualität oder Nachhaltigkeit gehen müssen – und liefern damit wertvolle Impulse für die Zukunft der Möbelindustrie.

Projektziel

Das Forschungsprojekt verfolgte mehrere konkrete Ziele, die eng miteinander verknüpft waren:

Konstruktiv: und technisch Entwicklung von Möbeln, die kompakt auf einer Europalette angeliefert werden können, möglichst wenig Gewicht haben, aus wenigen und gleichartigen Teilen bestehen und werkzeuglos oder mit minimalem Werkzeugeinsatz montierbar sind.

Gestalterisch: Neudenken der klassischen Schrankkonstruktion – weg vom reinen Kastenmöbel hin zu innovativen Strukturen, die technisch wie ästhetisch überzeugen. Die Studierenden sollten nicht bestehende Formen optimieren, sondern grundlegend neue Ansätze entwickeln.

Nachhaltig: Alle Entwürfe sollten dem Cradle-to-Cradle-Prinzip folgen: Materialien müssen sortenrein trennbar, reparierbar, austauschbar und am Ende des Produktlebens vollständig rezyklierbar sein.

Marktorientiert: Die Produkte sollten direkt für den Endkunden (B2C) gedacht sein – also einfach bestellbar, verständlich konfigurierbar und zu einem konkurrenzfähigen Preis realisierbar.

Prototypisch: Alle entwickelten Konzepte sollten innerhalb des Projektsemesters als funktionsfähige Design- und Funktionsprototypen in den Werkstätten der Hochschule umgesetzt und präsentiert werden – zwei davon wurden später sogar auf der internationalen Messe »Interzum« in Köln 2023 ausgestellt.

Projektablauf

Rahmenbedingungen: Das Projekt fand im Sommersemester 2022 statt und wurde gemeinsam von zwei Fakultäten der TH Rosenheim durchgeführt. Insgesamt arbeiteten 22 Studierende aus den Bereichen Innenarchitektur, Architektur, Design (IAD) sowie Holztechnik und Bau (HTB) in interdisziplinären Teams zusammen. Betreut wurden sie von Prof. Kilian Stauss und Prof. Thorsten Ober sowie von Steffen Feld auf Seiten des Auftraggebers Hettich.

Teamstruktur: Die Studierenden arbeiteten in fünf gemischten Teams, wobei jedes Team einen eigenständigen Entwurfsansatz verfolgte. Die Zusammensetzung aus gestalterischen und technischen Disziplinen war bewusst gewählt, um Design und Konstruktion von Beginn an gemeinsam zu denken.

Entwurfs- und Entwicklungsphase: In der ersten Projektphase analysierten die Teams die Anforderungen des B2C-Marktes, recherchierten innovative Materialien und Konstruktionsprinzipien und entwickelten eigenständige Konzepte. Dabei wurden völlig unterschiedliche Ansätze verfolgt – von verspannten Leichtbaukonstruktionen über stapelbare Kistenmodule bis hin zu Kunststoffschalen nach dem Vorbild von Reisekoffern.

Prototypenentwicklung: In der zweiten Phase wurden die Konzepte in den Werkstätten und Laboren der Hochschule – teilweise mit Unterstützung von Hettich – als Designmodelle und Funktionsprototypen umgesetzt. Werkstattmeister und Mitarbeiter beider Fakultäten begleiteten diesen Prozess intensiv.

Abschlusspräsentation: Im Juli 2022 fand die Endpräsentation an der TH Rosenheim statt. Die Teams präsentierten ihre Ergebnisse mit Beamerpräsentationen, Designmodellen und Funktionsprototypen vor einem Fachpublikum, darunter Vertreter von Hettich.

Nachverwertung: Zwei der entwickelten Projekte – »Wall-E« und »Suitcase« – wurden in Zusammenarbeit mit Hettich zu vollständig funktionsfähigen Prototypen weiterentwickelt und im Mai 2023 auf der internationalen Fachmesse »Interzum« in Köln auf der Sonderausstellungsfläche »Trendforum Function & Components: Furniture in Change – Shifting Boundaries« einem internationalen Fachpublikum präsentiert.

Innovation

Linsenträger-Konstruktion (Team Bay/Meyer/Weinthäter/Willmann) Statt massiver Plattenwerkstoffe werden zwei dünne HDF-Platten über ein Drucklager konvex verspannt und über Aluminium-Strangpressprofile verbunden. Diese Konstruktion spart über 60 % Material und Gewicht ein, kommt ohne Verklebungen aus und lässt sich am Ende des Produktlebens sortenrein in die Ursprungsmaterialien zerlegen. Die entstehenden Parabelkurven verleihen dem Möbel zugleich eine unverwechselbare Ästhetik.

Matrjoschka-Prinzip (Team Krieg/Popp/Seifert/Unterkircher) Das Möbel wird nicht in statisch unwirksame Einzelteile zerlegt, sondern in autarke, in sich stabile Baugruppen, die für den Transport ineinandergeschachtelt werden können. Ein neu entwickelter Knebelverbinder ermöglicht die werkzeuglose Montage. Textile Rollos ersetzen schwere Türen, Filzkörbe ersetzen aufwendige Schubladen.

Metall-Holz-Hybridkonstruktion (Team Deschner/Hahlbohm/Niederlöhner/Utas) Gekantete Aluminiumrahmen bilden die Struktur, Eschenholz-Fachböden die Nutzflächen. Die sich nach oben verjüngenden Module lassen sich passgenau stapeln und zu vielfältigen Kombinationen zusammenstellen. Glas-Schiebtüren und hochglanzlackierte Metalloberflächen verleihen dem System eine hochwertige Anmutung.

Drehschubladen-System (Team Bott/Kuo/Rusch) Anstelle von Seitenwänden, Rückwänden und Türen trägt eine zwischen Boden und Decke verspannte Rundstange das gesamte System. Daran aufgehängte Drehschubladen schaffen flexible, individuelle Nutzungszonen und bieten je nach Stellung verschiedene Zugangsmöglichkeiten. Ein eigens entwickelter einstellbarer Drehbeschlag löst die konstruktive Herausforderung der exzentrischen Belastung.

Backbone-System (Team Filipczyk/Lütke-Kappenberg/Volgger) Der Kleiderschrank wird auf einen wandmontierten horizontalen Riegel – das sogenannte »Backbone« – reduziert. Alle weiteren Elemente werden entweder nach unten abgehängt oder oben aufgesetzt. Das System ist stufenweise erweiterbar und kann mit dem Nutzer mitwachsen. Textile Elemente ersetzen dort, wo sinnvoll, harte Materialien.

Suitcase (Team Bähr/Cai/Krummradt/Will) Inspiriert von Reisekoffern wurde eine weitgehend selbsttragende Kunststoffschale entwickelt, deren Verrippung gleichzeitig Stabilität erzeugt und als Auflage für flexible Fachböden dient. Das geöffnete Möbel gibt alle Inhalte auf einen Blick frei – ganz ohne Schubladen.

Neue Beschlagslösungen Neben den konstruktiven Innovationen wurden auch vollständig neue Beschlagslösungen entwickelt – etwa ein mattsilber eloxierter Kleiderstangenauszug aus Aluminium oder ein eigens konstruierter einstellbarer Drehbeschlag. Diese wurden konsequent auf die jeweilige Bauform abgestimmt und integrieren sich nahtlos in das Gesamterscheinungsbild.

Nachhaltigkeitsinnovation Alle Entwürfe berücksichtigten den gesamten Produktlebenszyklus. Innovativ war dabei nicht nur die Wahl der Materialien, sondern das konstruktive Prinzip selbst: Verbindungen ohne Verklebungen, sortenreine Trennbarkeit, Reparierbarkeit und die Möglichkeit des Wiederaufbaus machen Nachhaltigkeit zur Grundlage des Designs – nicht zum nachträglichen Kompromiss.

Übertragung auf den Markt Die Tatsache, dass zwei Projekte – »Wall-E« und »Suitcase« – als funktionsfähige Prototypen auf der Interzum 2023 ausgestellt wurden, zeigt, dass die entwickelten Innovationen nicht nur akademischer Natur waren, sondern echtes industrielles Potenzial besitzen.


Teilprojektleitung



Projektdauer

15.03.2022 - 31.07.2022

Projektförderung

Hettich-Heinze GmbH & Co. KG

Adressierte SDGs (Sustainable Development Goals)